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Vom Überleben zum Geben

Krieg, Wüste, Zufall: Svitlana Hrebeniuk flieht aus der Ukraine, Samuel Mengisteab aus Eritrea. Was sie trennt, ist ihre Geschichte. Was sie verbindet, ist ihr Weg vom Flüchtling zum Angestellten in der Zuger Kantonsverwaltung. Heute helfen sie denen, die gerade erst ankommen.

Svitlana-Hrebeniuk-mit-Samuel-Mengisteab

Sie stammen aus unterschiedlichen Ländern und haben unterschiedliche Wege hinter sich. Was ist Ihnen von Ihrer Ankunft in der Schweiz besonders in Erinnerung geblieben?

Samuel Mengisteab (SM): Ich kam nicht an. Ich wurde gestoppt auf meinem illegalen Weg nach England. In Chiasso nahmen sie meine Fingerabdrücke. Ich musste mich vor der Polizei ausziehen. Danach brachten sie mich in eine unterirdische Anlage. Beton. Kälte. Stille. Ich dachte: Das ist ein Gefängnis. Ich war im Schock. Es war Oktober 2015 und ich hatte nur einen Gedanken: Mein Weg ist viel zu früh zu Ende. Alles wurde registriert. Ich hatte keine Kontrolle mehr über mein Leben.

Svitlana Hrebeniuk (SH): Bei mir war es genau umgekehrt und doch ähnlich überwältigend. Ich kam direkt aus dem Krieg. Sirenen, Explosionen, Angst. Und dann kam ich nach Zug. Ruhe, Ordnung, Sicherheit. Ich weiss noch, wie ich einen Bus beobachtete, der um 8.03 Uhr abfuhr. Nicht später. Nicht ungefähr. Punkt 8.03 Uhr. Ich stand da und dachte: Gibt es so etwas wirklich? Es fühlte sich an, als hätte ich mein altes Leben verloren und wäre in ein neues hineingeboren worden.

 

Was war Ihr erster Kulturschock als Flüchtling?

SH: Das Vertrauen in die Institutionen. Dass Dinge funktionieren, ohne dass man ständig darum kämpfen muss. Für mich war das fast surreal.

SM: Mich überraschte die Stille. An meinem ersten Sonntagabend lief ich durch Zug, und die Strassen waren leer. In Eritrea beginnt das Leben oft erst nach Sonnenuntergang. Dann kam eine zweite Erkenntnis hinzu: Freiheit. In meinem Land wurde entschieden, wer ich sein sollte und welchen Beruf ich ausüben musste. Hier durfte ich plötzlich selbst wählen. Das war befreiend und gleichzeitig beängstigend.

 

Wann wurde Ihnen bewusst, wie viel Sie für ein neues Leben aufgeben mussten?

SM: In der libyschen Wüste. Wir waren rund dreissig Menschen auf einem Pickup. Irgendwann ging das Wasser aus. Menschen neben mir verdursteten. Wir begruben sie im Sand. Ich habe selbst Gräber ausgehoben. Dort begreift man, wie zufällig Überleben sein kann. Dass ich heute hier sitze, ist kein Verdienst. Es ist Glück. Ich war ein Jahr auf der Flucht und durchquerte fünf Länder. Meine Familie hat rund 10 000 Dollar zusammengelegt, damit ich überhaupt die Chance habe, in Sicherheit zu leben.

SH: Mein schwierigster Moment war hier in Zug, nicht auf der Flucht. Ich wurde die erste Verwaltungsangestellte im Kanton Zug mit S-Status und erhielt sofort eine Führungsrolle. Und plötzlich spürte ich Widerstand. Neid. Vorurteile. Menschen, die mich nicht wollten. Ich wurde respektlos behandelt. Ich sass da und fragte mich: Warum tue ich mir das eigentlich an? Mein Vorgesetzter hat mich sehr unterstützt. Aber dieser Moment hat wehgetan.

 

Gab es einen Wendepunkt in Ihrer Integration?

SM: Ja. Während meines Asylverfahrens durfte ich keine regulären Deutschkurse besuchen. Der Verein FRW Interkultureller Dialog gab mir trotzdem die Möglichkeit zu lernen. Dort verstand ich, wie wichtig Sprache ist. Ohne Sprache bleibt man Zuschauer. Mit Sprache wird man Teil der Gesellschaft.

SH: Für mich war es meine Mentorin Judith Fischer von der GGZ. Sie glaubte an mich, bevor ich wieder an mich selbst glaubte. Solche Begegnungen verändern ein Leben. Und dann habe ich im Durchgangsheim in Steinhausen auch meine heutige Partnerin Larissa kennengelernt. Sie machte humanitäre Hilfe, ich war Flüchtling. Für uns beide war es Liebe auf den ersten Blick.

 

Was aus Ihrer Geschichte hilft Ihnen heute in Ihrem Beruf?

SH: Dass Würde nicht vom Jobtitel kommt. Ich habe mit zwei Masterabschlüssen als Tellerwäscherin in Zug gearbeitet. Es war hart, körperlich und mental. Aber ich wollte unabhängig sein. Heute weiss ich: Jeder Mensch trägt eine Geschichte, die man nicht sieht. Und genau deshalb verdienen alle Respekt.

SM: Ich habe gelernt, hinter die Oberfläche zu schauen. Wir sprechen oft über «Flüchtlinge», als wären sie eine einzige Gruppe. Aber jeder Mensch hat seine eigene Geschichte aus Verlusten, Hoffnung und Kampf. Deshalb braucht Integration auch Zeit. Abersie beginnt in dem Moment, in dem jemand die Möglichkeit erhält, mitzumachen und Verantwortung zu übernehmen. Ich sehe das in meiner täglichen Arbeit. Und ich weiss: Die meisten wollen einfach ein neues Leben aufbauen, Verantwortung übernehmen, dazugehören und der Gesellschaft etwas zurückgeben.

 

Heute arbeiten Sie beide für den Kanton Zug. Was bedeutet Ihnen das?

SH: Es bedeutet Sinn. Ich gehe jeden Tag zur Arbeit und weiss: Ich kann etwas verändern. Für Menschen, die genau dort stehen, wo ich einmal stand. Meine Arbeit fühlt sich an wie ein bezahltes Hobby. Ich bin stolz auf meinen Weg. Es war nicht einfach, mein altes Leben zurückzulassen und ein neues aufzubauen. Aber ich bin sehr glücklich mit meiner Entscheidung. Die Schweiz ist für mich zu einer zweiten Heimat geworden. Das verdanke ich der Unterstützung und Fürsorge meiner neuen Freunde, meiner Vorgesetzten sowie meiner Kolleginnen und Kollegen. Sie sind mir mit viel Verständnis begegnet und standen mir besonders in schwierigen Momenten stets zur Seite.

SM: Für mich ist es mehr als ein Job. Es ist ein Kreis, der sich schliesst. Vor zehn Jahren war ich als politisch Verfolgter derjenige, der Hilfe brauchte. Heute bin ich derjenige, der helfen kann. Und vielleicht ist das das Wichtigste: Dass jemand mich sieht und denkt: Wenn es Samuel geschafft hat, kann ich es auch. Wir sind als ehemalige Flüchtlinge Vorbilder. Wir zeigen, dass es möglich ist. Und wir verstehen diese Realität, weil wir sie selbst erlebt haben.

 

 

Text: Martina Müller // Bild: Suzanne Trümpler

Dieser Artikel erschien zum ersten Mal in der «Personalziitig» des Kantons Zug, Ausgabe Nr. 115, Oktober 2026.